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"Im Rausch des braunen Goldes"

Landrätin eröffnet die Ausstellung - Kreis verabschiedet sich vom Museum

Bericht der Bünder Zeitung am 13.10.2008 von Thomas Meyer (Text und Foto)

Die Geschichte der Bünder Tabakindustrie von ihrer Begründung Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Niedergang in den 1960er Jahren dokumentiert die neue Ausstellung »Im Rausch des braunen Goldes«. Museumsleiter Michael Strauß und Landrätin Lieselore Curländer haben sie am Sonntagmittag im Obergeschoss des Striedieckschen Hofes eröffnet (siehe Bild rechts, mit Ortrud Gieselmann, der Vorsitzenden des Fördervereins Dobergmuseum).

Vor einem Rundgang mit rund 50 Besuchern betonte die Landrätin, wie wichtig die Bünder Museumsinsel für die Region sei. »Für die Schulen und Kindergärten des Kreise
s gehören die Bünder Museen zu den ersten Adressen«, sagte Curländer. Gleichzeitig verabschiedete sie sich im Namen des Kreises, der die Trägerschaft nun komplett an die Stadt abgibt. »>Im Rausch des braunen Goldes< ist ein schöner Neuanfang, der uns mit wohliger Nostalgie an die Geschichte des Tabaks zurückdenken lässt«.

Im Anschluss schilderte Michael Strauß, wie Georg Meyer 1842 den Tabak nach Bünde brachte und wie Tönnies Wellensiek von 1843 an die Zigarrenherstellung erblühen ließ. »Die Ausstellung zeigt, was damals wirklich geschah und was eher als halb richtige Legende anzusehen ist«, sagte Strauß.

Ein Bereich ist der Heimarbeit gewidmet. »Die entstand Ende des 20. Jahrhunderts, zum einen, um den großen Bedarf an Arbeitskräften zu decken und zum anderen, um ein Gesetz zum Schutz der Arbeiter zu umgehen«. Insgesamt sind mehr als 100 zum Teil einzigartige Exponate zu sehen, darunter ein etwa 16 Jahre altes Originalpäckchen Tabak der Firma André, das Inventar ehemaliger Zigarrenbuden, verschiedenste Werkzeuge und die größte rauchbare Zigarre der Welt. Dazu werden Fotos und Dokumente präsentiert und erläutert.

(Westfalen Blatt Bünder Zeitung, Montag 13. Oktober 2008)


Tabakmuseum in Bünde wieder geöffnet

... aus dem Dornröschenschlaf erwacht: die Bünder Riesenzigarre!

Am Sonntag, 12. Oktober 2008, eröffnet Landrätin Lieselore Curländer um 11.00 Uhr die neue Tabakausstellung im sanierten Gebäude des Striedieckschen Hofs. Damit präsentiert sich das Deutsche Tabak- und Zigarrenmuseum in Bünde nach langer Bauphase endlich wieder Besuchern aus nah und fern, auch wenn es sich noch nicht um die endgültige Dauerausstellung handelt.

Die Sonderausstellung zeigt wichtige Exponate aus der regionalen Tabakgeschichte und soll gleichzeitig die einzigartige industriegeschichtliche Entwicklung verdeutlichen. Auch die größte rauchbare Zigarre der Welt wird aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen – sicher ein „Highlight“ für die Besucher, obwohl sie sich dem neuen, breiter als bisher gefächerten Ausstellungskonzept unterordnen muss.

Ein Enddatum für die Sonderausstellung gibt es aber nicht, weil sie in ihren Grundzügen Teil der kontinuierlich weiter wachsenden Dauerausstellung bleiben wird.

1841 wurden die ersten Zigarren in Bünde produziert – eine Erfolgsgeschichte, denn für Bünde und die angrenzenden Städte und Gemeinden folgte ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung, den das Museum Bünde durchaus auch kritisch unter die Lupe nehmen wird. Es wird aufgezeigt, was wirklich geschah, und was in den Bereich der Legende zu rücken ist.

Etwa 220 Exponate werden am Anfang zu sehen sein, darunter auch Dinge, die auf den ersten Blick eher unscheinbar wirken, aber doch eine wichtige Aussage in sich bergen – zum Beispiel ein blauer Tabakbeutel, der belegt, dass die Gebrüder André ihre erste Firma in Osnabrück gründeten. Nach Bünde zog es sie dann, weil sie hier billigere Arbeitskräfte fanden. Eine Legende besagt, dass ein Kirchbesuch in Enger die Entscheidung der Andrés für Bünde beeinflusst habe: Die Engeraner waren den Brüdern im Vergleich zu den Bündern zu gut gekleidet ... Das Inventar ehemaliger Zigarrenbuden weckt eine Vorstellung davon, wie vor allem Frauen im Akkord das „braune Gold“ verarbeiteten. Die Ausstellung widmet sich auch der Mechanisierung der Zigarrenproduktion. Immer wieder wurden Maschinen erfunden, die die Arbeit noch effizienter machen sollten. Dazu werden Fotos und Dokumente präsentiert und erläutert. Ein Panoramabild der Stadt Bünde zeigt historische Orte in der heutigen Stadtansicht.

Heute sind immer noch fünf Zigarrenfabriken in Bünde und Umgebung ansässig. So wird sie auch künftig noch fortzuschreiben sein: die Geschichte des braunen Goldes ...

Herzlich willkommen im Tabakmuseum! Ein Besuch lohnt sich!

(Fotos: Patrick Menzel, NW Bünde)


Im Rausch des braunen Goldes

Tabakmuseum plant Sonderausstellung zur heimischen Zigarrenindustrie

Bericht der Bünder Zeitung am 28.8.2008 von Hilko Raske (Text und Fotos)

Bünde ohne Zigarren – das ist so wie Paris ohne Eiffelturm. Die Stadt an der Else verdankt ihre wirtschaftliche Stärke nicht zuletzt der Zigarrenindustrie, die vor 160 Jahren für einen beispiellosen Aufschwung sorgte. Das Bünder Tabakmuseum will dieser Zeit eine Sonderausstellung widmen.

Das Foto zeigt Museumsleiter Michael Strauß mit dem ältesten Geschäftsbuch der Zigarrenfabrikanten Steinmeister und Wellensiek. Die Eintragungen in dem Band stammen aus dem Jahr 1846. Das Buch wird in der Sonderausstellung zu sehen sein.

Noch wird im Obergeschoss des Striedieckschen Hofes fleißig gewerkelt, an Lichteffekten gearbeitet und Ausstellungsnischen geschaffen. Spätestens am 12. Oktober soll aber die Ausstellung im Hauptgebäude der Museumsanlage eröffnet werden. Der Titel ist dabei Programm: »Im Rausch des braunen Goldes«.

Mehr als 100 zum Teil einzigartige Exponate sind dann der Öffentlichkeit zugänglich. »Wir werden erstmals die regionale Kulturgeschichte der heimischen Tabakindustrie aufarbeiten«, informiert Museumsleiter Michael Strauß. Das Foto links zum Beispiel zeigt ein Originalpäckchen Tabak der Firma André - etwa 160 Jahre alt.

Um die Bedeutung der Tabak- und Zigarrenindustrie für die Region überhaupt verstehen zu können, will das Museum besonders auf die geschichtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen eingehen. »Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass die heimischen Leinenweber durch industrielle Billigimporte aus England dem Untergang geweiht waren«, erklärt der Museumsleiter. Das habe ideale Bedingungen für einen vollkommen neuen Wirtschaftszweig geschaffen. Den Museumsbesuchern sollen aber nicht nur seltene Ausstellungsstücke präsentiert werden. Museumstechniker Ulrich Franzrahe arbeitet derzeit an einem kleinen Kinosaal mit Originalbestuhlung aus dem »Universum«. Hier soll ein Film aus den 50-er Jahren zum Thema Zigarrenindustrie gezeigt werden. »Ein hervorragendes Zeitdokument«, urteilt Michael Strauß.

Gleichzeitig will das Museum auch mit mehreren liebgewonnenen Legenden der Bünder Stadtgeschichte aufräumen. »Es stimmt nicht, dass Tönnies Wellensiek als Erster in Bünde Zigarren produzierte. Das ist der Verdienst von Georg Meyer – und das lässt sich auch belegen.« Das heutzutage immer der Name Wellensiek als Begründer der heimischen Zigarrenindustrie genannt werde, könnte ganz einfach daran liegen, dass er wirtschaftlich erfolgreicher war. Unwahrscheinlich sei es auch, dass Wellensiek mit der Kiepe auf dem Rücken nach Bremen gezogen sei, um erste Tabaklieferungen abzuholen. »Zu der Zeit wurde schon in Minden und Vlotho mit Tabak gehandelt – da macht sich keiner zu Fuß auf den Weg nach Bremen.«

Mit der aktuellen Sonderausstellung soll gleichzeitig eine Grundlage für die Dauerausstellung des Tabakmuseums geschaffen werden. Denn die ist nach der erfolgten Gebäudesanierung immer noch unvollständig.

(Westfalen-Blatt Bünder Zeitung, Donnerstag 28. August 2008)


Ein Bild von Not und Reichtum

Am 12. Oktober öffnet die Ausstellung zur regionalen Kulturgeschichte des Tabaks

Bericht der NW Bünde am 13.8.2008 von Thorsten Gödecker (Text) u. Patrick Menzel (Fotos)

Eine Knipping-Schraube frisst sich in das Aluminiumprofil der Leichtbauwand. An ihr wird eine Daguerrotypie (frühe Form der Fotografie) hängen, die Georg Meyer zeigt. Er brachte 1842 den Tabak nach Bünde. Meyers Portrait ist eines der zentralen Exponate der Dauerausstellung des Deutschen Tabakmuseums, deren regionaler Teil am 12. Oktober im Striedieckschen Hof eröffnet wird.

Noch ist es nur die eine Leichtbauwand, die den riesigen Dachboden des renovierten Tabakmuseums unterteilt. Während der Museumstechniker Ulrich Franzrahe Schraube um Schraube in das Profil jagt, sichtet Museumsleiter Michael Strauß die Exponate, die großflächig verteilt auf dem Dielenboden lagern. „Wir werden die regionale Kulturgeschichte des Tabaks, ihre gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen abbilden und nicht die gute Stube des gemütlichen Schmauchens wieder errichten“, erklärt er. Das Verklärende ist Straußens Sache nicht: Auch am Denkmal von Tönnies Wellensiek wird er kratzen: „Er war ein dynamischer Jungunternehmer, der in Bünde Profit machen wollte“, erklärt Strauß. Auch seinen Pionierstatus büßt der Unternehmer ein, denn nicht Wellensiek, sondern Meyer holte das rauchende Kraut zuerst nach Bünde.

„Wir starten im Oktober mit dem regionalen Teil der Ausstellung, weil uns täglich Anfragen aus dem In- und Ausland erreichen, wann das Tabakmuseum wieder eröffnet“, erklärt der Museumsleiter. Auf 1,2 Millionen Euro beziffert er die Kosten für die Umsetzung seines Ausstellungskonzeptes. 30 Prozent werde aller Voraussicht nach der Landschaftsverband tragen, wenn die Stadt Bünde und Sponsoren die übrigen 900.000 Euro aufbrächten. „Das Geld brauchen wir, um im Striedieckschen Hof eine Schau zu etablieren, die den Erwartungen an eine zeitgemäße Ausstellung gerecht wird.“ Strauß plant den Einsatz von Filmen und anderen Medien, um ein didaktisches Konzept zu realisieren, das es dem Besucher erlaubt, sich die Bedeutung der Zigarrenindustrie für Bünde und die Region selbstständig zu erschließen. Sollte das Geld nicht zusammenkommen, werde man dem wiederholt bewiesenen Improvisationstalent vertrauen, Abstriche machen und den Besuchern eine „Schau im Werden“ präsentieren.

Nicht das Spektakuläre, wie der Riesenzigarre, sondern das Aussagekräftige rückt Strauß ins Zentrum: Eine blauer Tabakbeutel belegt, dass die Gebrüder André ihre Firma in Osnabrück gründeten. Nach Bünde habe es sie gezogen, weil sie hier billigere Arbeitskräfte fanden. Eine Legende besage, dass ein Kirchbesuch in Enger sie davon abgehalten habe, dort zu investieren, erklärt Strauß: „Die Engeraner waren ihnen im Vergleich zu den Bündern zu gut gekleidet.“ Diese Anekdote verkläre allerdings, dass es den Heuerlingen im Bünder Land mehr als dreckig zuging. England habe den Kontinent seit Beginn des 19. Jahrhunderts mit billigen Baumwollstoffen überschwemmt und so die Flachs-und Leinenindustrie zu Tode konkurriert. Diesen Umstand hätten findige Unternehmer wie Wellensiek für sich zu nutzen gewusst.

1862 seien in Bünde laut der Zigarrenfabrik August Schuster, die als einzige noch in Bünde produziert, 80 Millionen Zigarren hergestellt worden. 1864 beschäftigten die Bünder Fabrikanten 1.000 Arbeiter in Bünde selbst und 2.000 Arbeiter in den Filialen der Nachbarschaft. Es wurden 100 Millionen Zigarren im Wert von einer Million Talern bei einer Lohnsumme von 250.000 Talern ( 1 Taler entspricht etwa 1,50 Euro) hergestellt. Mehr als 10.000 Menschen arbeiteten zur Blütezeit in der Bünder Zigarrenindustrie. 1935 hatte Bünde 258 Zigarrenfabriken. Die Stadt zählte 1914 ein gutes Dutzend Millionäre. Und die bauten sich die Villen, die man heute noch im Stadtbild entdeckt.

Die drei Wege des Tönnies Wellensiek (rechts) wurden zu Unrecht zum Mythos der Zigarrenstadt erklärt. - In der Shag-Pfeife (links) glommen nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Tabakabfälle und -reste.

Strauß widmet sich aber auch der Mechanisierung der Zigarrenproduktion. Er zeigt das Inventar der Zigarrenbuden in denen vor allem Frauen im Akkord das Kraut verarbeiteten und die von findigen Könnern erfundene Maschinen, die die Arbeit noch effizienter machen sollten.

Eine Zäsur habe das Maschinenverbot der Nazis dargestellt. Sie warfen die Produktion in Bünde auf vorindustrielles Niveau zurück. Ein Schlag, von dem sich der Produktionsstandort nie richtig erholt habe. Eine Vermutung äußert der Museumschef über die brave Bünder Industriearbeiterschaft. Während ihre Kollegen in Berlin, Hamburg und Bremen die Arbeiterbewegung aus der Taufe hoben und gegen die Ausbeutung revoltierten, fügte sich der Bünder. Eine Erklärung dafür könne die vom protestantischen Arbeitsethos durchdrungene Erweckungsbewegung im Ravensberger Land sein, mutmaßt Strauß.

Nach und nach werde im Untergeschoss auch die globale Kulturgeschichte des Tabaks ihren Platz finden. Strauß betont, dass sich hier ein Teil der Dauerausstellung auch mit der tödlichen Folgen des Tabakkonsum auseinandersetzen werde.

(Neue Westfälische Bünder Tageblatt, Mittwoch, 13. August 2008)

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