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Bündes berühmte alte Dame:

Weltweit wichtige Seekuh

Debatte über Doberg-Museum / Verantwortungsloser Umgang mit Exponaten

Bericht der NW (OWL-Seite) am 1.10.2007 von Thorsten Gödecker (Fotos: Tyler Larkin)

Eine 30 Millionen Jahre alte Seekuh im Autohaus – eine Vorstellung, bei der sich Professor Lutz Müller die Nackenhaare sträuben. Die Bünder Seekuh würde zerbrechen, schickte man sie derart auf Wanderschaft. Professor Lutz Müller (l.) und Museumsleiter Michael Strauß warnen vor Entscheidungen, die die bedeutenden Funde, die im Doberg-Museum ausgestellt werden, gefährden. Solche Vorschläge zeugten von Unwissenheit, erklärt der Geologe, der an der Fachhochschule Lippe und Höxter lehrt. „Die wissenschaftliche Bedeutung des Dobergs und die der Funde, die das gleichnamige Museum ausstellt, sind weltweit einzigartig.“ Eine Stadt, die die Existenz des Museums in Frage stelle, handle verantwortungslos.

Bündes berühmte Mergelgrube ist das wissenschaftliche Muster für die Schichtenfolge des sogenannten Oligozäns. Das heißt, nur am Doberg findet die Menschheit diese Stein gewordene Visitenkarte eines Teils der Erdgeschichte. Sie trägt Informationen, die 38 Millionen Jahre zurück reichen. Die jüngsten Schichten sind 13,4 Millionen Jahre alt – ein perfektes Schaufenster in die Erdvergangenheit.

Auch wenn hier kein Fossil aus dem Boden gekommen wäre, ist allein die perfekte Schichtenfolge ein Alleinstellungsmerkmal von weltweitem Rang“, sagt Müller. In jedem geologischen Fachbuch stehe der Bünder Doberg stellvertretend für den Teil eines Erdzeitalters. Der Fachmann nennt das „Stratotypus“. Jenen Kommunalpolitikern, die die Bedeutung und Attraktivität dieser Ausstellung in Frage stellten, empfiehlt der Fachmann einen Blick in die Bücher. Schon 1971 hätten Geologen aus aller Welt in Bünde diese Besonderheit anerkannt und beschrieben. Als 1911 der Zahnwal und ein Jahr später die Seekuh entdeckt wurden, habe Bünde sich bereits in die Annalen der Geologie geschrieben. „Beide Funde sind Holotypen, das heißt, sie wurden erstmals in Bünde entdeckt und beschrieben.“

Lob zollt der Wissenschaftler dem Ausstellungskonzept, das neben Haifischzahn und Ammonit auch die naturwissenschaftliche Arbeit der Geo- und Paläontologen erfahrbar mache. „Wir klagen über zu wenig naturwissenschaftlichen Nachwuchs und wollen auf eine solche Ausstellung verzichten?“, fragt sich Müller. Hier habe man die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche für diese Wissenschaften zu begeistern.

Auch die von der Universität Marburg entwickelten Experimentalstationen, von denen eine das Einwirken von Ebbe und Flut auf einen Strand verdeutlicht, setzen Maßstäbe. Selbst das renommierte American Museum of Natural History in Manhattan könne nur mit einer Miniaturausgabe der Bünder Station aufwarten.

Das Problem des Doberg-Museums sei nicht die mangelnde Attraktivität der Exponate, sondern die Tatsache, dass für das Museum nicht geworben werde. „Das ist Aufgabe des Stadt- und Regionalmarketings.“ Das dennoch jährlich 10.000 Besucher kämen, spreche für sich. Müller wundert sich, dass in einer Zeit, in der die Geowissenschaften an Bedeutung gewännen, im Bünder Rat Stimmen laut würden, das Museum abzureißen. Wer über Klimaveränderung und deren Folgen etwas wissen wolle, so der Hochschullehrer, der möge sich ins Doberg-Museum begeben. Dort werde er verstehen, was es bedeutet, wenn ein subtropisches Meer über die Eschstraße schwappt.

(Neue Westfälische Herforder Kreisanzeiger, Montag 01. Oktober 2007)


Identifikation schaffen: Prof. Müller im Bünder Talk

„Bünder Talk“ rückte Historisches und Zukünftiges in den Mittelpunkt

Auszug aus dem Bericht der NW am 1.10.2007 von Steffen Meyer

Die Attraktivität der Stadt steigern, indem man geschichtlich Gewachsenes erhält und pflegt. Dies bildete gestern Vormittag auf dem Tönnies-Wellensiek-Platz den Schwerpunkt beim „Bünder Talk“. Gäste waren Prof. Dr. Lutz Müller, Hartmut Korth und Christel Tiemann. ...

Offen ist die Frage, welche Zukunft das Dobergmuseum hat. Im Moment wird über eine Schließung aufgrund baulicher Mängel nachgedacht. „Doch dazu darf es nicht kommen“, erklärte Prof. Müller. Als Geologe der Fachhochschule Lippe/Höxter weiß er – siehe Bericht oben – um die weltweit einzigartige Bedeutung des Dobergs und der Museums-Exponate. Sie wurden beim Mergelabbau gefunden und dokumentieren die Bedeutung des Naturdenkmals.

So gilt die Seekuh heute beispielsweise als Ahnfrau ihrer Gattung und ist als Fossil weltberühmt. Sie stammt aus dem Oligozän, der Ära vor 24 bis 38 Millionen Jahren.

(Neue Westfälische Bünder Tageblatt, Montag 1. Oktober 2007)

Pfusch am Bau ... Architekt fein raus!

Der für die Mängel verantwortliche Dieter Qiram lehrt an der Universität Bremen

Bericht der NW am 28.2.2007 von Andrea Rolfes

Im Herbst 1999 feierte Bünde die Einweihung des Dobergmuseums. Der Neubau war von der Jury des Architektenwettbewerbs als Glanzstück bewertet worden. Doch am Bau wurde gepfuscht. Die Sanierung kostet rund eine Million Euro. Verantwortlich für die Mängel ist der Architekt Professor Dieter Quiram. Zahlen müssen den Löwenanteil jedoch die Stadt Bünde und der Kreis. Während hier über den Kosten gegrübelt wird, hält Quiram an der Hochschule Bremen Vorlesungen über die Architektur von Museen.

Der Entwurf des damaligen Braunschweiger Architekten überzeugte die Preisrichter, besonders die modern und futuristisch wirkende Rotunde mit dem Glasdach imponierte und schien perfekt geeignet für das geplante geologische Museum. Quiram gewann den bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb und übernahm die Bauleitung. Sieben Jahre später musste sich der Architekt wegen eklatanter Mängel am gleichen Gebäude vor dem Landgericht Bielefeld verantworten. Ihm wurde Pfusch am Bau und eine fahrlässige Bauaufsicht nachgewiesen. Heute weiß man, dass bereits bei der architektonischen Planung des Baus eklatante Fehler gemacht worden sind.

Weil Quiram 2006 als zahlungsunfähig galt, schloss der Kreis mit der Haftpflichtversicherung des Architekten im Zuge des Prozesses einen Vergleich. Die Versicherung zahlte 240.000 Euro, nicht einmal 25 Prozent der Summe, die für die Sanierung notwendig ist. „Wir haben das Angebot angenommen, weil wir lieber einen Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach wollten“, sagt Peter Lange, zuständig für Schulen und Museen im Kreis.

In Gesprächen zwischen Mitgliedern des Kreistages und Bürgermeisterin Anett Kleine-Döpke-Güse habe man sich bereits 2006 geeinigt, die Kosten zu teilen. Hartmut Bokel, Leiter des Bereichs Wirtschaftsförderung der Stadt Bünde, macht allerdings deutlich, dass zunächst geprüft werden müsse, ob die vom Bünder Architektenbüro Flörke und Krys geschätzten eine Million Euro Kosten, die am Montag im Kreistag aufgeführt wurden, tatsächlich für die Sanierung notwendig seien. „Wir sind bisher von einer geringeren Zahl ausgegangen“, so Bokel. „Wir müssen uns jetzt fragen, woher wir das Geld bekommen. “ Über all das soll am 13. März im Fachausschuss beraten werden.

Gibt die Stadt Bünde ihre Zustimmung, die Hälfte der Kosten zu tragen, könnten die Bauplanungen bereits Ende April mit der Ausschreibung für die notwendigen Handwerksarbeiten beginnen. „Der Kreis wird der Kostenteilung schnell zustimmen“, so Peter Lange, der auf einen Baubeginn Anfang Juni hofft. Architekt Peter Krys, der den Auftrag übernehmen wird, plant zwei Sanierungsphasen „Die erste wird – wenn alles nach Plan läuft – vier Monate dauern.“ In diesem Zeitraum soll das Dach, die Rotunde, die Elektroinstallation und die Beleuchtung erneuert werden. Danach ist die Sanierung des Baukörpers über der Innentreppe geplant. Alle anderen notwendigen Arbeiten werden auf das Jahr 2008 verschoben. Derweil verdient Dieter Quiram sein Geld als Hochschulprofessor und bringt Studenten die „Techniken einer ausdrucksstarken Museumsarchitektur“ nahe.

So soll das Museum aussehen: Architekt Peter Krys schlägt einen Dachaufbau über der Holzschalung in Flachbauweise vor. Das Dach soll begrünt werden. Eine Akkustikdecke mit spezieller Beleuchtung soll einbezogen werden. Die Rotunde könnte ähnlich wie das Hauptdach begrünt werden.

© 2007 Neue Westfälische, Bünder Tageblatt, Ausgabe 28. Februar 2007 (Grafik: Flörke und Krys)